Wann sagt man „Ich liebe dich“???

Bildquelle unbekannt

Es ist sinnvoll das Wort „Liebe“ im Alltag kaum bzw. gar nicht zu gebrauchen. Es wird ohnehin inflationär für Vieles verwendet, das wir einfach bloß mögen oder gerne haben – das hat aber mit Liebe in ihrem ursprünglichen Mysterium nichts zu tun. Zwischen Mögen und Lieben liegen Unendlichkeiten.

Da das Wort „Liebe“ jedoch so leichtfertig zum Gebrauch gelangt, ergeben sich dadurch völlig schwammige semantische Belehnungen. Semantik aber macht einen wesentlichen Teil unserer Realitätswahrnehmung aus. Sie formt großteils Wahrnehmung und Empfinden in Bezug auf Worte, Zeichen und Begriffe. Ein entscheidender Aspekt jeglicher persönlicher Transformation beruht daher in der Neuordnung der individuellen Semantik. Der Begriff „Liebe“ aber ist beim Großteil aller Menschen semantisch fehlbelehnt.

Du hörst z.B. einen Song, der dir gefällt, besuchst ein Lokal, in dem du ein paar nette Abende verbracht hast, triffst Menschen, die du sympathisch findest und behauptest sofort, dieses oder jenes zu lieben. Doch um zu lieben ist wesentlich mehr nötig, als etwas als positiv oder angenehm zu erachten. Liebe ist nämlich auch und vor allem da zu finden, wo nichts Positives oder Angenehmes mehr wahrgenommen werden kann – darin offenbart sich Liebesfähigkeit. Doch damit wird Liebe allgemein nicht in Verbindung gebracht. Liebe ist für die meisten Menschen ein rotes Herzchen, ein törichter Sandstrand im Sonnenuntergang, eine rosarote Wolke im Kopf, in der sie blind rumtappen. Wen wundert es da, wenn jede kleine Verliebtheit, jede sentimentale Gefühlsregung, jede romantische Empfindung mit Liebe verwechselt wird?

Der Satz „Ich liebe dich!“ wird in seiner Profanität eventuell noch von „Guten Tag!“ oder „Baldige Besserung!“ übertroffen und in ähnlicher Häufigkeit verwendet.
Liebe kann schlicht und einfach weder beschrieben noch gedacht werden. Deshalb ist es müßig und unmöglich, sie in Worte fassen zu wollen. Sie kann genauso wenig verstanden werden wie es möglich ist, ihr Mysterium zu ergründen. Aber Liebe ist mit Bestimmtheit kein Satz, keine Floskel – Liebe ist fern all dessen, was der Verstand in der Lage ist zu ermessen.
Im Grunde brauchst du das Wort „Liebe“ einem geliebten Menschen gegenüber gar nicht zu verwenden. Wozu musst du ihm sagen, dass du ihn liebst? Wenn du liebst, ich meine, wenn du Liebe zu deinem Selbstausdruck erhebst, dann musst du keinem Menschen sagen, dass du ihn liebst – er spürt, er erkennt und weiß es ohnehin! Dazu ist kein einziges Wort nötig. Und falls du ihn nicht liebst, kannst du noch so oft „Ich liebe dich!“ sagen – es wird trotzdem keine Liebe daraus sondern bleibt bloß eine leere Floskel.

Geh sparsamer mit dem Wort „Liebe“ um. Entwickle und kultiviere vielmehr die Liebe als deinen stillsten aber erhabensten Selbstausdruck – du kannst niemals auf schönere Weise „Ich liebe dich!“ sagen.

Text: David P. Pauswek – Der Andersmensch, © 2013

 

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