Der Suchende

bridge-53769_640

Es war einmal ein Suchender. Für ihn stellte sich das Leben als eine Suche dar, ohne dass er etwas Konkretes finden wollte. Eines Tages machte er sich auf den Weg nach Kammir, denn er hatte viel gehört von dieser Stadt.

Dort angekommen, entdeckte er einen kleinen Pfad, dem er seine Beachtung schenkte. Er folgte ihm und trat durch ein Bronzetor in einen wunderschönen Park, voller Schmetterlinge, Blumen und hoher Bäume. Er schlenderte an weißen Steinen vorbei, die wie zufällig zwischen den Bäumen angeordnet schienen. Auf einem dieser Steine las er: Tarek, gelebt 8 Jahre, 6 Monate, 2 Wochen und 3 Tage. Diese Worte ergriffen ihn und er wurde sich darüber klar, dass es sich hier um Grabsteine handelt. Mitleidig dachte er an das Kind, das unter diesem Stein wohl begraben wurde. Dann betrachtete er an diesem verzauberten Ort die Inschriften der anderen Steine. Yamir Kalib, gelebt 5 Jahre, 8 Monate und 3 Wochen.

Tief bewegt erkannte er, dass er sich auf einem Friedhof befand. Ein Stein nach dem anderen suchte er auf. Alle, mit ähnlichen Inschriften. Der Älteste, stellte er mit Horror fest, hatte gerade mal 11 Jahre gelebt. Er setzte sich hin und weinte, als ein Friedhofswächter auf ihn zukam und ihn fragte, ob er den Tod eines Familienmitgliedes beweinte. „Nein“ , sagte er, „aber sag mir, was ist in dieser Stadt passiert ? Warum liegen hier so viele Kinder begraben ? Was für ein Fluch war diese Ursache?“ Der Wächter lächelte und sagte:“Es gab keinen Fluch. Die Wahrheit liegt in einer alten Tradition….Sobald ein Jugendlicher 15 Jahre alt wird, schenken ihm seine Eltern ein kleines Buch, so wie dieses hier, was ich um den Hals trage. Wir halten darin jeden Moment fest, der uns im Laufe unseres Lebens intensiv bewegt hat. Wir tragen in die linke Spalte die Ursache eines Glücksmomentes ein und in die rechte Spalte die Dauer dieses Momentes. Wir tragen einfach alle Momente ein, die wir genießen durften und uns glücklich machten. Sobald jemand stirbt, so will es der Brauch, öffnen wir das Büchlein und zählen die Zeiten zusammen, in denen er glücklich war. Das ist die Zahl, die wir auf seinen Grabstein schreiben, denn diese Zahl ist für uns die einzige und wahrhafte Zeit, in der er gelebt hat, sie ist seine wirkliche Lebenszeit.

(frei übersetzt nach Jorge Bucay)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s