Von Liebe & Atem

Wolkenlose Nacht. Zwei Sterne, klar und licht, deutlich durchs Fenster funkelnd, ziehen kurz die Aufmerksamkeit auf sich.
Doch dann wendet er sich wieder seinen geheimen Studien zu. Sie weiß nichts davon. Sie weiß nicht, dass er nachts manchmal ihren Schlaf beobachtet. Im weichen Dämmerlicht eines grauenden Morgens liegt er dann seitlich neben ihr, stützt den Ellenbogen in die Matratze und seinen Kopf in die hohle Hand, lauscht ihrem Atem als wären es Wellen eines fernen Ozeans, folgt den Gezeiten ihrer sich sanft hebenden Brust, zeichnet mit seinen Blicken die friedlichen Züge ihres in den Traum entrückten Gesichts nach. So schön ist sie in ihrer Schutzlosigkeit. So schön, es macht sein Herz wild klopfen und seine Seele tanzen. Liebevoll haucht er Gedichte an sie, flüstert Gebete um ihr Glück durch das Meer ihres schwarzen, sich ungezähmt über das Kissen ergießenden Haars. Schenkt ihr Worte, die stets insuffizient bleiben. Kein Vers, kein Satz vermag auch nur im Ansatz auszudrücken, wie tief er in sie, wie tief er in ihr Wesen verstrickt ist. Deshalb wird er diese Gedichte niemals schreiben. Sie bleiben heimlich, bleiben unsichtbar, strömen ungeschrieben in die Einheit zweier Liebender. Die Grenze zwischen dem Ich und dem Du ging nämlich schon längst verloren in den Tiefen seiner Empfindungen, vergessen in der Sehnsucht nach allem von ihr.In diesen heimlichen Morgenstunden wacht er über sie. Fühlt seine Stärke, seine Verantwortung für ihr Leben. Als stiller Wächter ist er da für sie. Liebkost sie mit den Augen. Brennt sich jede Kurve, jeden Schwung, jedes Grübchen, jedes Fältchen ihres Gesichts ins Herz, um diesen Anblick niemals dem Vergessen anheim fallen zu lassen, um den Moment mit gebührender Dankbarkeit zu füllen. Er atmet den Duft ihres Körpers, der ihn trunken macht, atmet so unglaublich tief, bis das Parfum ihres Wesens sogar Raum und Zeit überwindet, bis es süß und schwer in die Vergangenheit spielt, sie Zug um Zug heilt. Sein Herz spürt er jauchzen. Es singt, weil sie da ist. Neben ihm. Schlafend. Träumend.
Er versteht ihre stumme Anwesenheit aufs Neue als göttliches Geschenk. Liebe flutet den Herzraum, greift umsich, treibt Schauer, treibt Tränen in den Morgen. Liebe, so intensiv, so unbegrenzt, dass süßer Schmerz seine Seele anrührt.
Kann Liebe so stark sein, kann sie so tief sein, bis es schmerzt? Ist er wirklich würdig, dermaßen beschenkt zu sein, sie still ansehen, sie zart berühren zu dürfen? Wieviele Leben wird es brauchen, bis er ihr all die Schönheit ihres Wesens gespiegelt hat? Kann Liebe die Zeit anhalten? Kann sie andauern lassen, was allein durch die Vergänglichkeit zur Kostbarkeit wird? Kann Liebe einen Trick anwenden, damit es niemals endet?
Ja, die Liebe kann! Das weiß er ganz bestimmt in jenen Momenten, wo er keine Zweifel mehr an der Existenz von Engeln hegt, wo alles Unvereinbare vereinbar, wo alles Unverzeihliche verzeihbar, wo alles Unmögliche möglich, wo die Wärme ihres lebendigen Körpers zum unermesslichen Reichtum wird. Diese Momente, wenn er sie still im Schlaf betrachtet, wenn ein neuer Morgen in ihre gemeinsame Geschichte dämmert, diese Momente, von denen sie nichts erfährt, sind der Sauerstoff seiner Seele. Und alles, was dann zählt, ist der Atem.

Text: David P. Pauswek – der Andersmensch, © 2015 / aus „Chroniken eines Liebenden“

christiane f wir kinder vom bahnhof

Szene aus „Christiane F – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

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