Ich sehe mehr

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siehe Signatur

Sanft fahren die Hände über ihren Körper.
Dunkle Augen folgen der bewussten Liebkosung,
erzählen von Achtsamkeit und Respekt.

Tief in ihr brennt ein Feuer, das keinen Namen hat.

Verlegen möchte sie sich in kilometerlange Stoffbahnen hüllen.
Viel zu laut die kritische Stimme, die erzählt von mangelnder Perfektion, Nachlässigkeit und all den Stellen, die nicht mehr schön sind. Spöttisch wispert sie fiese Worte und spinnt ein Netz
aus Angst und Scham in ihr Empfinden.
Doch nichts deutet darauf hin, dass er sie und ihren Körper
nicht begehren könnte.
Sein Blick gewinnt an Intensität, er atmet schneller
und Verlangen mischt sich in seine Berührungen,
schreibt Spuren auf ihren Körper, in ihre Seele.

Bevor die letzte Hülle fällt, muss sie ihn warnen.
Sie könnte es nicht ertragen, wenn er sich abwenden würde.
„Schau,…“ ihre Finger umklammern seine Handgelenke.
Er hält inne, betrachtet sie schweigend.
„Mein Körper,… ich,…“

Eine einzelne Träne löst sich, die Worte bleiben aus.

Ihre seelenvollen Augen erzählen alles, was er wissen muss.
Er versteht sie, weil ihre Sprache, die der Herzen ist.
Er versteht sie, weil die Energie, die zwischen ihnen fliesst,
jede Emotion verstärkt.
Und weil er ist, wie er ist,
umfasst er ihr Gesicht mit beiden Händen.

Hände, so unglaublich schön und stark.
Hände, die sie in nie geahnter Zärtlichkeit berühren.
Hände, die ihre Energie überall hinsenden,
bis an den tiefsten Grund ihrer Seele.

„Es tut mir leid, A ghrá mo chroí“,
ein heiseres Murmeln an ihrem Ohr.
„Was jetzt kommt, muss sein.
Denn ich möchte diese Zweifel,
diese versteckte Scham nicht mehr sehen in Deinem Blick.
Sie schmerzt mich,… und sie schmerzt Dich.“

Leises Atmen, die Angst verdichtet sich, sie möchte nicht sehen.

„Schau“ sagt er und dreht sie zu dem Spiegel.
„Vertrau mir, …bitte.“
Langsam hebt sie den Blick und begegnet dem seinen.
Klare Augen mustern sie voller Liebe.
Sein Körper eine lebendige Schutzmauer.

„Du siehst nicht, was ich sehe,…nein, ganz und gar nicht.“
Er lässt seine Hände sprechen, während er sie liebkost
und die Hüllen fallen.
„Du siehst die Spuren, die Deine Kinder auf Deinem Körper hinterlassen haben, und eine Stimme schreit Vorwürfe
von mangelnder Bewegung, nicht mehr straffem Busen und einem Bauch, der vor zwölf Jahren das letzte Mal flach war.“
Statt über diese direkten Worte entsetzt zu keuchen,
kommt etwas in ihr zur Ruhe.
Kein Heucheln, kein Beschönigen, nein.
„All dies sehe ich auch, und es ist ja nicht so,
als würde Dir etwas mehr Bewegung nicht schaden“,…
Ein spitzbübisches Lächeln huscht über sein Gesicht.

„Doch ich sehe mehr.
Mehr von Dir, wenn ich Dich betrachte und fühle.
Ich sehe das Leuchten Deiner Haut, ich fühle ihre Zartheit.
Jeder Millimeter vibriert vor Energie. Deiner ureigenen Energie.
Ich spüre die Liebe, die Du in Dir trägst und diese Liebe ist es,
die mich Dich und Deinen Körper achten, ja, ehren lässt.
Ich sehe das Leuchten und lese in den Spuren, die das Leben hinterlassen hat, so manche Geschichte,
dass ich nie genug davon kriegen werde, Dich zu berühren.
Dich zu spüren und zu schmecken,
in Deiner kostbaren Hingabe zu versinken.

Mit Dir zu sein ist Gesang und Tanz,
Abenteuer und Kampf.
Glück und Schmerz,
Lachen und Herausforderung.
Flirrende Leidenschaft und träge Liebkosung,
fliegen und fallen, Feuer und Eis.
Mit Dir zu sein ist leben und lieben.
Deine Essenz und meine, die sich eint in einem heiligen Tanz.“

Und plötzlich fühlt sie, was er meint.
Denn nicht Worte sind es, die Heilung bringen ~
ihren inneren Verletzungen und äusseren Narben.
Es ist das, was er sie fühlen lässt.
Die unverhüllte Liebe,
die sich als schützende Energie in sie legt.

„Ich sehe Deine Wurzeln, sehe Deine Flügel.
Lass mich Dir zeigen, wie schön Du bist.“

(Béatrice Tanner, Briefe an W.)

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