Die Wahrheit und die Liebe

Die Wahrheit zog traurig durchs Land: „Die Menschen haben Sehnsucht nach mir. Aber wenn ich komme und durch ihre Straßen gehe, bekommen sie Angst und flüchten in ihre Häuser.“

Eines Tages traf die Wahrheit die Liebe. Sie war in ein buntes, warmes Kleid gehüllt, und die Leute liefen ihr nach und luden sie zu sich in ihre Häuser ein. Die Liebe sah die Wahrheit so traurig und verbittert stehen und sprach sie an: „Sage mir, gute Freundin Wahrheit, warum bist du so betrübt?“ „Ach, es geht mir nicht gut“, antwortete die Wahrheit. „Ich bin alt, und die Leute wollen mich nicht in ihr Leben lassen.“

„Nicht weil du alt bist, mögen dich die Leute nicht leiden. Ich bin auch sehr alt, und die Menschen lieben mich immer noch. Du bist den Menschen unheimlich, weil du so nackt bist. Kleide dich mit meiner Wärme und Farbenpracht. Lege um deinen Schatz der Wahrheit den Mantel der Liebe, und die Menschen werden dich willkommen heißen. Die nackte Wahrheit ist für die Menschen ebenso furchtbar wie eine unehrliche Liebe. Wir beide brauchen einander. Denn eine aufrichtige Liebe und eine liebevolle Wahrheit sind Quellen des Lebens und der Freude.“

Die Wahrheit befolgte den Rat der Liebe. Seitdem sind beide bei den Menschen willkommen.

(Axel Kühner)

Liebe & Eifersucht

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Ich bin ein Teil von dir,

sagte die Eifersucht in vorwurfsvollem Ton zu der Liebe.

Warum versteckst du mich, als würdest du dich für mich schämen? Du bist kein Teil von mir,

erwiderte die Liebe,

im Gegenteil. Wir sind wie Tag und Nacht. Du entspringst der Angst und dem Misstrauen. Ich bin ein Kind der Freude und des Vertrauens.

Nein, ich bin deine dunkle Seite, die du nicht wahr haben willst.
Und ich gebe dir die Kraft, um das Herz eines Menschen zu kämpfen,

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Die Schneeflocke

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Es war Winter.
Überall schneite es.

Im Wald saß eine Wildtaube auf einem Baumzweig. Still betrachtete sie das Schneetreiben. Da flog eine muntere Tannenmeise auf die Taube zu und setzte sich neben sie. „Guten Tag“, sagte die Tannenmeise. „Ich grüße dich“, erwiderte die Wildtaube. „Was gibt es Neues im Wald?“
„Die ganze Welt schneit ein“, sagte die Tannenmeise. „Es kommen einem die seltsamsten Gedanken und Fragen bei diesem Wetter. Was meinst du, Wildtaube, was wiegt eine Schneeflocke?“
Die Wildtaube guckte in die Luft und verfolgte eine Schneeflocke nach der anderen, wie sie langsam und leise zu Boden fielen. „Eine Schneeflocke ist so leicht, dass sie gar nichts wiegt“, antwortete sie. „Das habe ich auch gedacht“, sagte die Tannenmeise. „Aber es stimmt nicht. Hör dir die wunderbare Geschichte an, die ich neulich erlebt habe:

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Der Adventskranz

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Vier Kerzen brannten am Adventskranz. Es war still – so still, dass man hörte, wie die Kerzen miteinander zu reden begannen. Die erste Kerze seufzte: „Ich heisse Frieden. Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden, sie wollen mich nicht.“ Ihr Licht wurde immer schwächer und verlosch schliesslich.

Die zweite Kerze sagte betrübt: „Ich heisse Glaube. Aber ich ich bin überflüssig geworden. Die Menschen wollen von Gott nichts mehr wissen. Es hat keinen Sinn mehr, dass ich weiter brenne.“ Ein Luftzug wehte durch den Raum – und auch diese zweite Kerze erlosch.

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Der kleine Stern

Vor langer, langer Zeit lebte einmal ein kleiner Stern. Er war so winzig, dass die Menschen auf der Erde ihn nur dann sahen, wenn der Himmel ganz klar war und die großen Sterne prächtig leuchteten. Dann wurde es auch um ihn etwas heller. Niemand der auf der Erde wohnte, ahnte auch nur im geringsten mit welcher Verzweiflung der kleine Stern kämpfte.

So sehr er sich auch putzte, wie groß auch seine Mühe war – er leuchtete immer nur ein wenig. Manches Mal blinzelte er zu den großen Sternen hinüber, um herauszufinden, warum sie so hell leuchteten. Sie hatten sogar die Kraft, die Erde zu erhellen. Ach, könnte er doch auch so strahlen!
Er fand keine Antwort auf seine Fragen und so wurde er immer trauriger. Manchmal, wenn keiner es sah, weinte er auch ein bisschen.

So traf ihn die Sonne auf ihrem täglichen Weg. Mit ein paar besonders warmen Strahlen trocknete sie seine Tränen ab und sagte: „ Kleiner Stern, freu dich doch, das du da bist!“

„ Aber ich bin so klein und leuchte nur so wenig“, antwortete der Stern. Die Sonne hatte keine Zeit für lange Gespräche, sie war schon weitergezogen, weil noch viele auf ihre Wärme warteten.

So blieb der kleine Stern alleine zurück.
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Der Baum der Liebe

Eines Tages auf der Straße nach Irgendwohin, traf die Liebe einen Menschen. Mit ausgestreckter Hand lief sie auf den Menschen zu, so als würde sie ihm die Hand reichen, oder etwas geben wollen.

Verwundert blickte sie der Mensch an. Er war es nicht gewohnt und mochte es auch nicht von einem Fremden auf der Straße angesprochen zu werden. Verärgert und ängstlich wollte er der Liebe ausweichen, aber sie stellte sich vor ihn, schaute ihm ihn die Augen und sagte: „Ich gebe dir dieses Samenkorn als Willkommensgeschenk. Schön dich getroffen zu haben. Was du damit machst, liegt in deinen Händen. Und wie das Samenkorn heranwächst, liegt an dir – an deiner Hege und Pflege“.

Zögernd nahm der Mensch das Samenkorn an sich und ohne sich bei der Liebe sich zu bedanken, wollte er seinen Weg fortsetzen.

„Halt!“, rief die Liebe, „nicht wegrennen! Ich gebe dir ein paar Pflegetipps mit auf den Weg. Das Samenkorn musst du in die Erde pflanzen. Es braucht viel Tageslicht, viel Sonne, viel Wärme, Dünger, Wasser…und vor allem viele Streicheleinheiten. Zuerst wächst es zu einem zarten Pflänzchen heran, dann zu einem Baum, der tiefe Wurzeln schlägt. Dann, bei guter Pflege zur rechten Jahreszeit, er Früchte trägt und ihnen unter seiner Krone Schutz bietet.“

„Ich habe noch nie einen richtigen Baum gepflanzt“, sagte der Mensch unsicher, als würde er sich dafür schämen. „Pflanzen ja, aber einen Baum zu pflanzen, das schaffen nur wenige Menschen“.

„Dann sei doch einer der Wenigen, die einen Baum pflanzen. Jeder der einen Baum pflanzen will, der pflanzt ihn auch. Es ist nicht die Frage des Willens, sondern dessen Umsetzung – das Tun und das Handeln“, sagte die Liebe energisch.

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Der Verstand & die Liebe

Der Verstand begegnete der Liebe und sagte zu ihr: “Gut, dass ich dich treffe. Ich habe schon oft über dich nachgedacht, aber ohne ein befriedigendes Ergebnis. Deshalb möchte ich dich gern geradeheraus fragen: Was ist dein Sinn?” Bevor die Liebe antworten konnte, fügte der Verstand hinzu: “Sag mir aber nicht, dein Sinn bestehe darin, die Menschen glücklich zu machen. Ich habe zu oft gesehen, dass du sie unglücklich machst.”

“Mein Sinn besteht darin, dass die Menschen an mir wachsen und zu sich selbst finden. Durch mich werden sie zu denen, die sie sein können. Ich erwecke das Beste in ihnen und bringe es zur Entfaltung. Und ich schenke ihnen Glück. Dass dieses Glück vergänglich ist, darfst du mir nicht anlasten. Nichts ist von Dauer in dieser Welt. Und weder du noch ich haben die Macht, das Gesetz der Vergänglichkeit zu brechen.”

“Ich weiß”, sagte der Verstand, “allerdings verstehe ich nicht, warum die Menschen im allgemeinen sich so sehr vor dir fürchten, obwohl du ihnen angeblich so viel Gutes zu geben hast, während sie zu mir volles Vertrauen haben.”
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Die Seele….die Rückkehr

Es war einmal eine erwachsene Frau, die sehr unglücklich war. Sie hatte das Gefühl etwas Wichtiges verloren zu haben, nicht mehr zu wissen, wo sie eigentlich hin möchte und vieles in ihrem Leben war ihr gleichgültig geworden.

Sie fühlte sich so ohnmächtig und hilflos darüber, dass sie sich eines Tages, einfach in die Ecke ihres Zimmers setzte und weinte. Sie wollte einfach gar nichts mehr tun, und am liebsten hätte sie sich in Luft aufgelöst.

Plötzlich hörte sie eine Stimme die sie rief. Ganz erschrocken blickte sie auf, doch es war niemand da. „Ich bin hier, in dir“, sagte die Stimme. „Warum bist du so traurig?“

„Ich weiss nicht mehr weiter. Wer bist du?“, sagte die Frau, die nun das Schluchzen aufgehört hatte. „Ich bin deine Seele“, antwortete die Stimme, „ich bin hier um dir zu helfen, doch brauche ich dazu wiederum deine Hilfe.“

„Sieh her“, begann die Seele zu erklären, „du möchtest wissen wie es weitergeht, und ich weiss es. Es ist nur so, dass ich es dir nur sagen kann, wenn du erlaubst, dass wir zusammen arbeiten.“ – „Tun wir das nicht?“, fragte die Frau erstaunt. „Nun, nicht ganz. Irgendwann in deinem Leben, hast du angefangen dir zu wünschen, dass du alles unter Kontrolle hast, damit du die Erlebnisse, die dich verletzt haben, nicht mehr erleben musst. Und irgendwann zu diesem Zeitpunkt hast du mich weggeschickt. Je mehr du also alles unter Kontrolle haben wolltest, desto mehr musste ich mich zurückziehen. Denn ich mache manchmal verrückte Dinge oder bringe dich an Orte, die dir erstmal gar nicht gefallen, wo es aber etwas tolles zu entdecken gibt. Weil du das aber nicht mehr wolltest, und ich dich so sehr liebe, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst, hab ich mich zurückgehalten.“
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Das Kätzchen

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Auf einem Bauernhof stand ein Eimer mit Sahne. Da kam ein junges Kätzchen vorbei und dachte: Oh, wie lecker, da möchte ich doch gleich ein wenig probieren.

Mit einem Sprung war es oben am Rand des Eimers angelangt, aber – oh weh – es konnte sich nicht richtig festhalten und landete mit einem Plumps in der Sahne.

Es waren aber in dem großen Eimer viele Liter Sahne, zu viele für das kleine Kätzchen. Es strampelte verzweifelt mit den Pfoten herum, um Halt zu bekommen und aus dem Eimer hinauszukommen, aber es gelang ihm nicht.

„Ich gebe nicht auf,“ ermutigte sich das Kätzchen selbst und versuchte weiterhin mit aller Kraft, Boden unter den Füßen zu bekommen. Und siehe da: Nach einer Weile bemerkte es etwas Hartes, einen Klumpen, noch nicht genug, um darauf zu stehen. Aber dann, noch einer und noch einer. Je mehr das Kätzchen weiter in der Sahne herumzappelte, desto mehr Halt bekam es mit einem Mal.

Was war denn geschehen?

Ihr wisst es sicher schon:
Da das Kätzchen nicht aufgegeben hatte, hatte es in wenigen Minuten aus der Sahne Butter gemacht und konnte nun wieder aus dem Eimer herausspringen.

(Verfasser unbekannt)

Die Rose

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Fotoquelle unbekannt

Eine Rose träumte Tag und Nacht davon, dass Bienen ihr Gesellschaft leisten, aber keine einzige ließ sich auf ihre Blütenblätter nieder.

So träumte die Rose weiter – In langen, einsamen Nächten stellte sie ich einen Himmel voller Bienen vor, die zu ihr kamen – einfach da waren! So konnte sie es bis zum Morgen aushalten, bis sie sich im Sonnenlicht wieder öffnete.

Eines Nachts fragte der Mond, der von der Einsamkeit der Rose wusste: “Bist du nicht müde immer wieder zu warten?”

Die Rose antwortete: “Vielleicht aber… ich muss weiterkämpfen!”

Der Mond wunderte sich und fragt: “Warum?”

“Weil ich sonst verwelke, wenn ich mich nicht öffne. In den Augenblicken, in denen die Einsamkeit alle Schönheit zu erdrücken scheint, ist die einzige Möglichkeit standzuhalten – weiter offen zu sein!”

(Verfasser unbekannt)